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Walter Wegmüller

Kunstmaler

Walter Wegmüller, 1937 in Bern geboren, lebt und arbeitet seit 1957 in Basel.
Seine vielschichtigen Bilder und Skulpturen bewegen sich von der reinen Architektur über Surreales/Mystisches bis hin zu jenen Tarot-Karten, die ihn Anfang der Siebzigerjahre berühmt machten und für deren Gestaltung er nicht zuletzt wegen seiner Abstammung von Zigeunern prädestiniert war.

1990 nahm Walter Wegmüller am zweiten von Urs Tremp organisierten «Symposium für Alchemie» im Stadttheater St.Gallen teil und referiert dort über den Tarot.

Jürg Rüttimann schreibt über Walter Wegmüller

«Das ist ein typischer Wegmüller.» Auf den ersten Blick scheint es unmöglich, dass dieser Satz überhaupt in den Mund genommen wird. Denn die Bilder und die Objekte, die Walter Wegmüller während all den Jahren geschaffen hat, sind so vielfältig, so verschiedenartig, so unterschiedlich, dass es nicht möglich scheint, ein Wegmüller-Bild als typisch zu bezeichnen.
Dieser Eindruck erhält man auch in jenem Atelierraum, wo Walter Wegmüller seine Werke aufbewahrt. Ein riesiger Fundus von Bildern und Objekten, die die unbedarfte Betrachterin oder der unbedarfte Betrachter nicht auf Anhieb mit einem einzigen Künstler in Verbindung bringen würde.
Da farbige, bunte, surreale Skulpturen, dort metallene, karge Objekte. Da Gemälde und Drucke mit Tarot-Symbolen, dort Stilleben. Porzellanarbeiten stehen neben Holzdrucken. Mal hat man ein abstraktes oder abstrahiertes Bild vor sich, und gleich daneben blickt man wieder auf ein sehr gegenständliches Gemälde.
Auch nach Stunden im Raum würde man – so glaubt man – wieder etwas Neues entdecken.

Walter Wegmüller ist denn auch kein Künstler, den man in eine Schublade zwängen kann. Wegmüller würde das auch nicht mögen.
Den «typischen Wegmüller», den gibt es trotzdem. Es ist dieselbe Sprache, die aus allen Bildern des in Basel wohnhaften Künstlers spricht. Der gemeinsame Urheber, der ist aus Wegmüllers Arbeiten deutlich herauszuspüren.

Es sind stilistische Elemente und die wiederkehrenden Proportionen von Figuren und Elementen, die die Handschrift Wegmüllers ausmachen. Und bisweilen auch die Farbwahl seiner Bilder.
Einen «Wegmüller» macht aber schliesslich das aus, was zwischen dem Papier und der Farbe eingeschlossen liegt. Das, was ins Material einer Skulptur geflossen ist, als der Künstler sie formte. Das, was die Farben verändert hat auf dem Weg von der Tube aufs Papier. Oder genauer gesagt: das, was Walter Wegmüller dazu brachte, den Pinsel so zu führen, wie er ihn geführt hat. Das, was Wegmüller immerwährend dazu drängt, Kunstwerke zu schaffen, sich auszudrücken, etwas zu erzählen.

Unstillbarer Hunger

«In mir ist ständig ein Drang, etwas loszuwerden», sagt Walter Wegmüller. «Genauso, wie ich auch ein Verlangen, das Leben zu verstehen, und einen nicht stillbaren Hunger nach Wissen habe.» – Man könnte sagen, das liege an der Vergangenheit des Künstlers. Wegmüller streitet dies auch nicht ab:
«Hätte ich nicht eine solch harte Jugend erleben müssen, hätte ich damals nicht unter derart starkem Druck gestanden, dann wäre dieser Drang wohl kleiner.»
Wegmüllers künstlerisches Schaffen aber nur auf die Verarbeitung seiner Vergangenheit zu reduzieren, wäre falsch. In einem Interview in einem 1997 erschienenen Werkbuch bezeichnet Wegmüller das Malen als Sprache, mit der er Gespräche mit anderen Menschen verdaut. «Ich könnte auch Schriftsteller sein, aber da ich nicht schreiben kann, schreibe ich malenderweise», wird Wegmüller im Buch zitiert. So hat Wegmüller im Laufe der Zeit die unterschiedlichsten Werkgruppen geschaffen.
Beispielsweise die beiden Tarotserien: Das Zigeuner-Tarot und das Neuzeit-Tarot, bei denen Wegmüller die Symbolik des Tarots in seine Sprache umsetzt. Diese Bilder, die in den Siebzigerjahren und Anfang der Achtzigerjahre entstanden sind, haben den Künstler bekannt gemacht.
Wegmüller schreibt momentan an einem Buch über Neuzeit-Tarot, und schon seit langem führt er auch Lebensberatungen mit Tarotkarten durch. «Tarot basiert nicht auf Zauberei, sondern gründet auf Erfahrung und Beobachtung», entkräftet Wegmüller die gängigsten Vorurteile bezüglich des Kartenlegens.

Kind der Landstrasse

Als er sich für Tarot zu begeistern begann, wusste er noch nicht, dass auch sein Vater ein Kartenleger war. Walter Wegmüller war nämlich ein sogenanntes «Kind der Landstrasse», das von den Eltern, die zu den Fahrenden gehörten, getrennt wurde und in Heimen oder bei Pflegeeltern aufwuchs.
Wegmüller war Verdingbub auf verschiedenen Höfen, wo ihm «durch endloses Arbeiten eine anständige Gesinnung» beigebracht hätte werden sollen, wie es damals hiess. Trotz der widrigen Umstände in seiner Kindheit – Hunger, Prügel, Ausbeutung – fand er den Zugang zur Kunst.
Er wurde nicht, wie es damals für Verdingbuben üblich war, zum Bauernknecht, sondern konnte eine Lehre als Maler absolvieren. Dort lernte er verschiedene Techniken, die ihm später auch als Künstler zugute kamen. Und damals begann er bereits mit der Kunstmalerei, die für den 1937 geborenen Wegmüller schliesslich zum Mittel der eigenen Befreiung wurde, ihm einen Zugang zu seinen eigenen Wurzeln ermöglichte und auch ein Symbol für die Freiheit schlechthin war.
Auf seinen Reisen durch Europa schlug sich Wegmüller als Strassenmaler und Schmuckmacher durchs Leben. Eine Reise nach Indien dagegen endete noch in der Schweiz, weil er seine erste Frau kennenlernte, mit der er später zwei Kinder hatte. Als diese noch klein waren, musste er wieder auf seinem Beruf arbeiten, machte daneben aber bereits erste Atelierausstellungen.
Inzwischen, mehr als dreissig Jahre später, ist Wegmüller etabliert. Rund 2000 Werke hat er nach eigenen Schätzungen bereits verkauft, die Liste von Ausstellungen in Galerien und Museen im In- und Ausland ist lang und sein Schaffensdrang offenbar unendlich.

Hautlandschaften

Besagter Schaffensdrang allerdings nährt sich nicht durch den Erfolg, den Wegmüller mit seinen Bildern und Objekten hat. Oder mindestens nicht nur. Es ist der bereits beschriebene Drang, der den Basler Künstler antreibt. Der Drang eines Erzählers. Das ist denn auch die Erklärung, weshalb sich die Schaffensphasen Wegmüllers Schlag auf Schlag ablösen. Wegmüller weiss, was er ausdrücken muss. Mit verschiedenen Mitteln und Stilen sucht er den passenden Weg dazu.

Seine aktuellsten Bilder sind Hautlandschaften. Bilder, die gewissermassen eine Haut sind, die Wegmüller sich vom Leibe streift. Oder passender: streifen muss. «Es malt einfach», sagt Wegmüller nur, wenn man ihn fragt, wie seine Bilder entstehen.
Seine Bilder sind Intuitionsbilder, es sind verdaute Geschichten, mit denen er abgeschlossen hat, wenn er sie aufs Papier gebracht hat. «Wenn ich male, produziere ich eigentlich fortlaufend bewusst gewordenen Abfall», wird Wegmüller in seinem Werkbuch zitiert. Es ist der Abfall seiner Seele, der seinen Platz auf dem Papier gefunden hat, Dementsprechend dicht wirken die Hautbilder denn auch, wenn man sie betrachtet.
Ein Kopf reiht sich an den anderen, ein Körper an den nächsten, ein Objekt ans danebenliegende. Die Figuren und die Struktur, die durch die Figuren entsteht, erzählen Bände. Je näher man herangeht, desto mehr kann man aus ihnen lesen. Eine eigentliche Botschaft vermitteln die Bilder aber nicht.
«Es sind die Betrachterin und der Betrachter, die das Bild beenden», meint Wegmüller. Seine Bilder, glaubt er, würden denn auch keinen Einblick in seine Persönlichkeit ermöglichen. Aber einen Überblick über sein Leben. Eine Übersicht auf das Leben aller Menschen.

Was nach den Hautbildern kommt, weiss Wegmüller selber nicht. Das einzige, was er mit Bestimmtheit sagt, ist, dass er nicht ans Aufhören denken kann, obwohl er das Pensionsalter erreicht hat. «Wenn ich nicht malen kann, beginne ich zu schwitzen», sagt er, «dann muss ich einfach wieder ins Atelier.» Um dort quasi den Schweiss mit einem Pinsel aufs Papier zu bringen. Um dem ewigen, unaufhörlichen Drang des Erzählens nachzugeben.

Bild: Armando Bertozzi
Bild: Armando Bertozzi



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